Dienstag, 9. Dezember 2008

Schön, dass ihr da wart.




Und dann habe ich gesagt: Schön, dass Ihr da wart. Und ich habe mich dafür gehasst. Weil ich als kleiner Junge neben meiner Mutter stand, und sah, wie sie Leute verabschiedete und sagte: Schön, dass Ihr da wart. Später hat sie mit meinem Vater geredet und sich beklagt, dass sie sich den ganzen Abend so schrecklich gelangweilt hätte. Als ich älter war, hat es mir leid getan, dass meine Eltern Menschen, die sie nicht leiden können, belügen mussten, damit sie ihre Freunde blieben.

Samstag, 3. November 2007

Rache

Gabriela ist Journalistin. Sie musste aus ihrem Land fliehen, weil sie ein Buch über unterdrückte Menschen geschrieben hat. Sie erhielt Morddrohungen. Von den neun anderen Frauen, mit denen zusammen sie ihre Journalistenausbildung gemacht hat, sind zwei ermordet worden. Gabriela hat ihren Vater verloren, als sie 12 war. Die Militia hat ihn erschossen, auf der Straße. Zwei Schüsse in den Rücken. An jenem Tag hat ihre Familie Gabriela vergessen. Niemand hatte ihr etwas gesagt. Sie kam von der Schule nachhause, fand das Haus voller Menschen und ihren Vater tot in den Armen ihrer Schwester. Sie sagt, sie kann sich nur noch an seine blutige Hand erinnern, die er auf die Austrittswunde in seinem Bauch gedrückt hatte. Alles andere ist ausgelöscht aus ihrem Gedächtnis. Bis heute geht niemand von Gabrielas Familie durch die Straße, in der ihr Vater erschossen wurde. Zwei Jahre später verschwand ihr Bruder, vermutlich ist auch er ermordet worden. Ihre Familie hat ihre materielle Existenz verloren und sich eine neue aufbauen müssen. Gabriela sagt, sie hätte lieber das Haus und das Land für immer verloren, wenn dafür ihr Vater und ihr Bruder am Leben geblieben wären. Sie sagt, sie kann lachen, aber es kommt nie von innen. Innen ist etwas, das nicht mehr glücklich wird.
Gabriela kennt den Mörder ihres Vaters. Ich frage sie, ob sie manchmal den Wunsch hat, Rache zu üben. "Jeden Tag", sagt sie. "Jeden Tag denke ich daran, eine Waffe zu nehmen und den Mörder zu töten. Und nicht nur ihn. Ich will seine ganze Familie erschießen."

Montag, 20. August 2007

I am Luhman

Ich drehte die Musik auf und ließ Morrissey durch die Wohnung schallen: "I am human and I need to be loved …". Beim Duschen dann fiel mir Luhmann ein, und sein Buch "Liebe als Passion", und plötzlich hörte ich mich unter Dusche singen: "I am Luhman and I need to be loved, just as anybody else does."

Freitag, 17. August 2007

Finanzkrise



Eine Freundin in New York hat es mir einmal erklärt: Es ist ganz einfach: Wenn man sich eine neue Kreditkarte ausstellen lässt, muss man ein Jahr lang keine Zinsen zahlen. Ich überziehe die Karte also bis zum Anschlag und kann mir was schönes kaufen. Nach einem Jahr besorgt man sich eine neue Kreditkarte - wieder ein Jahr zinsfrei - und überträgt die Schulden von der alten Karte auf die neue. Das macht man dann jedes Jahr so. Und das macht jeder so.

Zahnlücke

Ich weiß nicht, ob ich es geträumt habe oder es Wirklichkeit war, aber ich erinnere mich deutlich, jemanden sagen gehört zu haben: "Er hatte eine so große Zahnlücke, dass mir schlecht wurde."

Samstag, 11. August 2007

Horst




Wenn Renata von Horst erzählt, fühle ich mich immer gemüssigt, ihn zu verteidigen. Dabei kenne ich ihn gar nicht. Armer Horst. In Renatas Worten ist er klein, unansehnlich und unaufmerksam. Er ist Webdesigner, sitzt zu Hause an seinem Computer und sagt fast nie ein Wort. Und sagt er doch mal etwas, ist es entweder völlig langweilig oder hochgradig anstrengend.

Horst war 1 1/2 Jahre lang Renatas Daueraffäre. Ich will wissen warum.

"Ach Du weißt schon", sagt sie. Ich weiß nicht, und Renata erklärt es mir.

Horst versteht nichts von der Welt, ist anderen gegenüber unendlich unaufmerksam und liegt in seinen Einschätzungen fast immer völlig daneben. Doch in einer Beziehung kann Horst niemand das Wasser reichen. Wenn Horst Lust auf eine Frau hat, legt er seinen Stift beiseite, und er geht zur Strassenbahnhaltestelle. Er schaut sich die Frauen an, bis er eine findet. Renata kräuselt die Nase. Dann steigt er mit der Frau in die Bahn ein, setzt sich neben sie und sagt: "Wohnst Du hier auch in der Gegend?" - "Völlig blöde!" Renata wedelt mit den Händen. Dann fragt Horst die Frau, ob er mit zu ihr nach Hause kommen kann. Horst bekommt nie einen Korb - es ist unglaublich.

Über Sex sagt Horst Dinge wie: "Man muß sich von den Bildern lösen, weil man von den Bildern nicht satt wird. Sex ist Meditation." Horst interessiert sich nicht für Pornografie. Männer, die sich Pornos ansehen tuen ihm leid. Sie verstehen nicht.

In dieser einen Beziehung ist Horst Gott.

Freitag, 10. August 2007

Riese

Im Edeka auf dem Kottbusser Damm stand plötzlich ein riesiger Mann. Ich kam um die Ecke am Ende des Olivenölregals und zuckte richtig zurück, bevor ich einen Menschen in ihm erkannte. Es war ein reiner Reflex: Achtung, es ist sehr groß, und es bewegt sich!
Er stieß mit dem Kopf, wenn er ganz normal stand, beinahe an die Decke. Als er etwas aus der Mitte des Kühlregals nahm, musste er sich tief bücken. Um etwas von ganz unten zu nehmen, hätte er sich hinknien müssen.
Ich wollte gerne zu ihm sagen: "Mann, hab ich mich erschrocken! Ich habe noch nie einen derart großen Menschen gesehen! Es muss ein ja unglaubliches Gefühl sein, ein – haben Sie das Gefühl, wir gehören zur selben Spezies? Es muss ja alles zu klein für Sie sein, die gesamte Architektur! Was sind die ätzendsten Alltagsprobleme von Großwüchsigen? Gibt es bestimmte Krankheiten, die nur Großwüchsige haben?" Und dergleichen Indeskretionen mehr. Das Leben ist ja schrechlich langweilig geworden. Wo man hinschaut Diskretion.
Ich suchte Blickkontakt, um loszulegen. Aber er sah nicht zurück. Er tat einfach so, als sei ich unsichtbar.

Mittwoch, 25. Juli 2007

! 18 UMZUGSKARTONS je ca. 85 l - Köln rechtsrheinisch !


18 absolut brauchbare, gebrauchte Umzugskartons biete ich Ihnen an. Sie haben die Maße (15x): 70 x 34 x 36,5 cm, bzw. (3x) 65 x 35 x 37 cm. Das entspricht einem Rauminhalt von ca. 86 bzw. 84 Liter. Auf einigen steht, dass sie bis 30 kg belastet werden dürfen. Es ist eine gängige, eher etwas größere Kartongröße. Die Kartons sind beschriftet, ist natürlich kein Problem, einfach durchstreichen und neu beschriften. Ich bitte um Abholung in Köln-Höhenhaus und helfe Ihnen gerne beim Einladen ins Auto. Viel Spaß mit der Auktion!


Ich habe ungefähr zehn Umzugskisten im Keller. Die habe ich mir über die Jahre zusammengekauft. Die leihe ich auch nur ungern her, und wenn doch, dann achte ich darauf, dass ich sie wieder zurück bekomme. Umzugskartons sind ein Stadtphänomen. Oder vielmehr: der freizügige Umgang mit Umzugskartons ist ein Stadtphänomen.


Ich komme vom Land.


Auf dem Land zieht man nicht um. Mit meinen Eltern bin ich ein mal umgezogen. Das war, als ich ein Jahr alt war, da sind meine Eltern in unser Haus eingezogen. Unser Haus. Das Ende aller Umzüge. Alle Leute, die ich kannte, wohnen in ihrem "unser Haus". Einmal in "unser Haus" eingezogen: das Ende aller Umzugskartons. Die Umzugskartons werden Staukartons, oder, weil sie zum Verstauen dann doch etwas unpraktisch, da zu gross, irgendwann im Ofen verschürt. Ein Nachbar würde auf die Idee nicht kommen, von seinem Haus zu unserem Haus herüberzulaufen, an der Tür zu klingeln und zu fragen: "Sag mal, kann ich mir bei Ihnen ein paar Umzugskartons ausleihen?". Selbst wenn er tatsächlich aus seinem Haus ausziehen würde, zum Beispiel, weil er im Lotto gewonnen hat, er wüsste genau: Die Umzugskartons, die es anlässlich eines Umzugs vor vielen Jahren bestimmt einmal gegeben hat, sind entweder voller Kram im Keller begraben, oder verbrannt. Er würde auch niemals auf den Gedanken kommen, beim Aldi nach Bananen-Kisten zu fragen. "Alte Kistn, was wollns denn damit?" In Berlin könnte man hingegen sogar nach Bananenkisten fragen, wenn man sich daraus Sexspielzeug basteln wollen würde. Hier ist jeder Supermarktkassiererin ohnehin sofort klar, dass man die Kisten für einen Umzug braucht.