Samstag, 27. Januar 2007

Pizzaessen, Voltastrasse, Berlin, lustig.




Das Restaurant der Deutschen Welle. Ein arabischer Kollege kommt zusammen mit einer Kollegin herein und sagt langsam, jedes Wort betonend: "Wir - möchten - bitte - Zigaretten - kaufen." Darauf die Bedienung, ebenfalls ein Ausländer: "Kauft, kauft! Wenn Ihr nicht kauft, die Zigarettenindustrie geht kaputt."

Das finde ich lustig.

Das Gespräch, das es gab, als ich bezahlt habe, finde ich auch lustig. Aber das ist eine andere Geschichte.

Donnerstag, 25. Januar 2007

Matthäus

Einer meiner Freunde kommt demnächst in den Knast.
Es ist lustig, dass ich Knast sage. Eigentlich wollte ich Gefängnis sagen, aber das klingt zu harmlos. Knast ist auch nicht ideal, es klingt zu gewollt. Ich weiß nicht, wie ich es besser soll. Früher hätte ich außerdem Kumpel statt Freund gesagt. Noch früher allerdings habe ich Freund und nicht Kumpel gesagt. Ganz früher Freund, früher Kumpel, heute wieder Freund. Man könnte jetzt meinen, Kumpel würde zu Knast passen und Freund zu Gefängnis. Der Witz ist, ich glaube, es ist genau umgekehrt. Egal. Jedenfalls, da kommt er rein.
Er hat die Möglichkeit gehabt, seine Schulden durch Sozialarbeit zu tilgen. Pflege öffentlicher Gartenanlagen. Aber schon am dritten Tag ist er nicht mehr hin.
Ich fragte ihn, um Himmels willen warum?
„Ja“, hat er gesagt, „das wüsste ich selber gern!“
Jetzt ist nichts mehr zu machen.
Ich weiß, normalerweise gibt es immer noch eine Möglichkeit. Aber mein Freund ist nicht normalerweise. Bei ihm ist Matthäus am Letzten.
Als mir das klar wurde, wollte ich ihm alles mögliche vorwerfen. Da fiel mir ein, dass ich mir Abend für Abend schwöre, keinen Kaffee mehr zu trinken und nicht mehr zu rauchen. Aber kaum bin ich aufgestanden, habe ich einen Kaffee in der Hand. Mit dem Rauchen passe ich auf bis zum Abend, und dann rauche ich doch. Und dann frage ich mich, um Himmels Willen warum. Und wüsste es selber gern.

Mittwoch, 24. Januar 2007

Holz



Die Übung besteht darin, das Holz wegzuwerfen. Ich neige sehr dazu, das Holz aufzuheben, man kann es ja immer noch für etwas anderes brauchen. Es hat über 50 Euro gekostet, das Holz. Wenn ich es nicht wegwerfe, steht es mir monatelang in der Wohnung herum, und irgendwann trage ich es in den Keller, dann steht es da. Der Keller ist nicht sehr gross und schon fast voll.

Die Berechnung war falsch, und obendrein gab es einen Denkfehler. Ich mag es, wenn ein Möbelstück massiv ist. Aber die Schubladen, wie ich sie für meinen Schreibtisch geplant habe, wären so massiv geworden, dass so gut wie kein Platz mehr geblieben wäre, um irgend etwas hinein zu tun. Manchmal merke ich zu spät, wie dumm ich bin. Aber darum geht es nicht. Jetzt geht es darum, das Holz wegzuwerfen. Damit es mir mehr nicht mehr im Wege ist. Wie so vieles, was ich so plante.

Samstag, 13. Januar 2007

Tolle Drogen, tolle Mädels


Manchmal frage ich mich, ob ich mein Leben richtig verwende. In einem Kölner Hotel überlegte ich beim Frühstück, was in meinem Alter vernünftiger sei: einer treu sein oder so viele Frauen wie möglich? Etwas aufbauen oder entfesselt durch die Welt zu jagen?
Auf dem Weg zum Bahnhof zeigte ich auf ein Auto mit gelbem Kennzeichen und meinte zu dem türkischen Taxifahrer: „Ziemlich viele Holländer hier in Köln.“
„Klar“, rief er, „Holland ist doch ganz nah! Als ich jünger war, bin ich mit meinen Kumpels jedes Wochenende da rüber. Amsterdam ist geil: tolle Drogen, tolle Mädels! Aber das ist vorbei. Seit ich Frau und Kind hab, geh ich abends überhaupt nicht mehr weg. Ich hab Freunde, die machen das immer noch so. Aber als 35jähriger kannst du nicht rumlaufen mit dem Gehirn von nem 18jährigen. Wer mit 35 keine Familie hat, ganz ehrlich, der tut mir Leid! Weil, Familie und Kinder, das ist der Sinn des Lebens.“
Er hatte sehr leidenschaftlich geredet und mit der freien Hand gestikuliert. Jetzt sah er plötzlich aus dem Fenster, sackte ein wenig zusammen und sagte leise: „Also, wenn man von Sinn des Lebens überhaupt reden kann.“

Freitag, 12. Januar 2007

Hoch




Ich habe eine Hängelampe aufgehängt. Über dem Esstisch. Habe mit einem Messband genau ausgemessen wie hoch die Lampe hängen soll. Nicht zu hoch und nicht zu tief. Dann habe ich ein Messer genommen und das Kabel abgeschnitten. Des Messens überdrüssig, habe ich geschätzt. Nachdem die Lampe angebracht war, habe ich es überprüft. Jetzt weiss ich genau, sie hängt 23 Zentimeter zu hoch. Meine Freundin, bei der ich mich über mich beschwert habe, hat gesagt das ist normal. Sie macht so was auch ganz oft so.

Sonntag, 7. Januar 2007

Ratten der Lüfte


Bis zu meinem 22. Lebensjahr hatte ich Tauben sehr gern.
Dann fuhr ich mit Gunther Bayer durch Kaiserslautern. Als vor uns auf der Straße eine landete, drückte Gunther aufs Gas und erwischte sie um ein Haar.
„Pass auf!“, rief ich.
Aber Gunther meinte nur: „Die Ratten der Lüfte!“
Schon am nächsten Tag begann ich, mich vor Tauben zu ekeln.

Samstag, 6. Januar 2007

Im Fernsehen


Manchmal gibt es magische Momente im Fernsehen. Wenn alle Bildschirme der Monitorwand, auf der die aktuellen Videofeeds der Agenturen zu sehen sind, plötzlich auf ein und dasselbe Ereignis umspringen. Wenn alle Agenturen plötzlich Live-feeds senden, dieselbe Szene aus verschiedenen Einstellungen. Die Bilder sind dann immer ganz ruhig, kaum Schnitte, oft passiert minutenlang nichts, oder nicht viel. Wenn ein Raumschiff landen oder ein neuer Papst verkündet werden soll. Dann scheint die Aufmerksamkeit der Welt auf einen Punkt gerichtet. Ruhig und konzentriert auf die Dinge wartend, die geschehen werden sollen.

Die wunderbare Medaille


Aus Spaß schenkte uns Miriam einen Muttergottes-Anhänger. Auf der Gebrauchsanleitung steht: „Den Trägern dieser Medaille half die Mutter Gottes oft auf wunderbare Weise. Man nennt sie: DIE WUNDERBARE MEDAILLE.“ Sie ist nicht größer als ein Fingernagel.
Ich hielt sie Julia ins Ohr, ich weiß nicht warum. Bis sie meinte: „Hör auf, das tut weh“ – obwohl das Metall sie gar nicht berührt hatte. Ich hielt sie ihr ins andere Ohr, und auch hier tat es ihr weh. Schließlich hielt ich mir die wunderbare Medaille selber nacheinander in beide Ohren – und spürte jedes Mal sofort einen deutlichen, stumpfen, drückenden Schmerz.